Warum hast du mir das angetan?: Untreue als Chance

Feb 10th, 2009 | By | Category: Partnerschaft
Kurzbeschreibung
Daß ein Seitensprung nicht der Tod einer Beziehung sein muß, daß diese Situation viele Chancen für einen neuen, gemeinsamen Aufbruch birgt, zeigt der Paartherapeut Hans Jellouschek am Beispiel von Paaren, die es anders machen. Sein Buch ist ein Plädoyer für die Liebe, Geduld und Toleranz.

Über den Autor
Lic. phil. Dr. theol. Hans Jellouschek, Jahrgang 1939, ist Lehrtherapeut für Transaktionsanalyse und Psychotherapeut in seiner eigenen Praxis. Seine Arbeitsschwerpunkt sind Paartherapie, Coaching und Beratung von Führungskräften.

 
Rezension
Ohne Zögern fünf Sterne! Dieses Buch ist ein Juwel und allen im Beziehungsdreieck Verstrickten zur Lektüre unbedingt zu empfehlen. Der Autor ist sehr erfahren in der Paartherapie und gibt hier anschaulich anhand dreier konkreter Beispiele Auskunft, wieso Untreue passieren kann und vor allem, daß sie – richtig verarbeitet – als eine Chance zur Entwicklung aller am Seitensprung Beteiligten genutzt werden kann.

Das erste Kapitel "Dreiecksgeschichten" stellt zunächst den Begriff vor und wie man gewöhnlich drüber spricht, nämlich falsch moralisierend, bagatellisierend, pathologisierend, funktionalisierend, statt am besten – und so der transaktionsanalytische Ansatz Jellouscheks – entwicklungsorientiert, nämlich aus Vergangenheit und Gegenwart den Bewältigungsversuch hin zur Zukunft entwickelnd. Die drei Beispiele für Dreiecksbeziehungen werden vorgestellt.

Kapitel 2 "Dreiecksbeziehung als Ausgleichsversuch" geht zunächst auf den Gegenwartsaspekt des Dreiecks und seines Entwicklungsmodells ein. Drei wichtige Polaritäten bestimmen Paare: Sicherheit und Erregung, Dominanz und Unterordnung sowie Geben und Nehmen. Anhand der 3 Beispielpaare verdeutlicht Jellouschek, wie Ungleichgewichte (ein Partner z.B. überwiegend dominant, der andere dauernd untergeordnet) dazu tendieren lassen, in einer Außenbeziehung sich den Ausgleich zu holen. Wichtig: die eigenen Defizite müssen aufgearbeitet werden, sonst wiederholt sich mit einem neuen Partner das Ungleichgewicht.

Im dritten Kapitel "Dreiecksbeziehung und Paargeschichte" wird zur Gegenwartsanalyse noch die Geschichte des Paares vom Zusammenfinden bis zur Gegenwart herangezogen. Der Lebenszyklus ist in wichtige Phasen untergliederbar, die danach verlangen, gelebt zu werden, weil man sonst evtl. zu ihnen in Dreiecksbeziehungen zurückdrängen kann (es kann z.B. eine zu kurze kinderlose Paarphase später in den Drang führen, seine zu kurz gekommene Wildheit doch noch ausleben zu wollen). Die Paargeschichte kann geprägt sein von Verletzungen, vom Abweichen vom ursprünglichen geheimen Beziehungsvertrag und vom Verrat an der anfänglichen Beziehungsvision. Jellouschek unterscheidet 5 Entwicklungsphasen der Paarbeziehung: Verschmelzung – Widerstand gegen die Verschmelzung – Distanzierung und Differenzierung – Wiederannäherung – Vereinigung auf höherer Stufe. Wie in einer enger werdenden Spirale kann man die Phasen öfter durchlaufen und dabei immer mehr zur vollendeten Liebe vordringen, aber natürlich auch in bestimmten Phasen steckenbleiben. Dreiecksbeziehungen dienen dann häufig dazu, aus diesen Phasen rauszukommen.

Daß auch die Kindheit und Jugend mit der Elternbeziehung des Einzelnen Einfluß nimmt auf die Beziehungsmuster der Paarphase, wird im nächsten Kapitel "Dreiecksbeziehung und Herkunftsfamilie" deutlich. Jellouschek dekliniert dies – eine wirliche Stärke des Buches – wiederum an den 3 Beziehungsdreiecken durch, und zwar nicht nur an dem Paar, sondern auch an der/dem Geliebten, der ja ebenso vielleicht aus ganz bestimmten Motivationen genau dieser Beziehung zu einer/m Gebundenen bedarf. Dreiecksbeziehungen re-inszenieren häufig Konflikte in der Beziehung zu den Eltern, z.B. liegengebliebene Aufgaben der Ablösung vom gegengeschlechtlichen Elternteil bzw. fehlende Aussöhnung mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil. Das kann dann zu typischen "Skriptmustern" von Muttersöhnen (der liebe Sohn oder der Held) und Vatertöchtern (die Prinzessin oder die Tüchtige) führen.

Das fünfte Kapitel "Lösungsversuche" beschreibt die meist fehllaufenden Strategien des Umgangs mit der Dreiecksbeziehung: abruptes Abbrechen birgt die Gefahr, daß unverarbeitet sich später der Wiederholungszwang zu neuen Außenbeziehungen rächt, verheimlichen führt ebenso nicht weiter, tolerieren geht auf die Dauer auch nicht gut, zum Viereck erweitern könnte ein Gleichgewicht an Schuld herstellen, ist aber meist schlecht zu verordnen, und schließlich das Dreieck offen leben, was aber zu einer Überforderung aller wird, da jeder eigentlich als Einzelner geliebt sein möchte.

Also wird es im 6. Kapitel der beste Weg sein, sich in "Beratung und Therapie" zu begeben. Fragen dabei sind z.B.: Soll man den Dritten mit einbeziehen?, Wie behandelt man die Kinder fair und ohne Mißbrauch dabei? Nur Paargespräche oder auch Einzeltherapie? Anforderungen der Allparteilichkeit an den Therapeuten. Es gibt zwei Voraussetzungen zur Therapie: a) beide müssen in der Dreiecksbeziehung ein Problem sehen und b) für beide ist die Lösung noch offen. Zu den Phasen der Therapie empfiehlt der Autor einen Entscheidungsspielraum von mind. einem halben Jahr, in dem keine vorschnellen Entschlüsse umgesetzt werden, was Druck rausnehmen kann. In dieser Zeit nach Möglichkeit alle getrennt voneinander leben (jedenfalls sexuell, ist bei Kindern sicher nicht immer realisierbar), um wichtige Autonomie entwickeln zu können, aber Kontakte dennoch pflegen, möglichst ohne Bezug zur Therapie, sondern um den Alltag miteinander auszuprobieren. Inhaltlich: Paarmuster verstehen – Paargeschichte und Lebenszyklus einbeziehen – Vergangenheit integrieren – Entscheidungen treffen. Rituale von Abschied, Wiedergutmachung und Neubeginn können wichtig sein, mit der Entscheidung leben zu lernen.

Das Abschlußkapitel "Leidenschaft, Treue und Selbstverwirklichung" zeigt, was aus den Paaren wurde. Die Antwort auf die Frage, ob man unbedingt die Dreierbeziehung braucht, um die Ehe wieder aufzupeppen, lautet "nein": wichtig sind das Leben von Fremdheit, die die Attraktivität fördert, das sich Zeit und Raum nehmen für die Lust, das Verzeihen gegenseitiger Verletzungen bei vergifteter Liebe und das Entdecken neuer Möglichkeiten der Lebensmitte. Treue und Liebe kann sich nur entwickeln, wo Bindung und Autonomie beide gleichgewichtig gelebt werden können, darin sich selbst verwirklichend.

 
Tags:

Comments are closed.